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Tillmann Pinder

ZUR GESCHICHTE DES BEGRIFFS "REALITÄT".*

*) Es handelt sich um ein für den Abdruck überarbeitetes, ursprünglich auf der Phren-Jahrestagung 1984 zu Gehör gebrachtes Referat. Der Gedankengang ist nicht befriedigend abgeschlossen; dazu hätte der Ansatz in der "Begriffsgeschichte" verlassen werden müssen.

Die Wörter "Realität" und "Wirklichkeit" sind im Sprachgebrauch so nahe benachbart, daß sie fast dasselbe zu bedeuten scheinen; sie können in sehr vielen Fällen wechselweise gebraucht werden und werden z.B. in allen modernen Lexiken der philosophischen Begriffssprache als Synonyme genannt. Trotzdem sind die "Probleme im Realitätsbegriff" zweifellos nicht "Probleme im Wirklichkeitsbegriff". Realität ist ein terminus technicus der Wissenschafts­ oder "Erkenntnis"-Theorie, Wirklichkeit ein wesentlich verschwommenerer, halb metaphysischer, halb psychologischer Begriff.

Das hat mit den sinnbestimmenden Gegenbegriffen zu tun. Zu Wirklichkeit gehört Möglichkeit, allenfalls manchmal Unwirklichkeit, zu Realität aber eine ganze Stufenleiter von miteinander auf sonderbare Weise verwandten Begriffen: Begriff, Fiktion, Vorstellung, Erkenntnis, Einbildung, Idee, Idealität. Wie es zu dieser Konstellation kommt, und welche besondere Art von Spannung spezifisch zum Realitätsbegriff gehört, ist aber sachgemäßer durch dessen Geschichte als durch eine bloß semantische Analyse zu erläutern.

Mit dem Begriff der Wirklichkeit hat der Begriff der Realität den Ursprung in der Metaphysik gemeinsam, und zwar in der scholastischen Metaphysik des Mittelalters. Das deutsche Wort Wirklichkeit ist die Übersetzung für actualitas, einen scholastischen Barbarismus, der von actus abgeleitet ist, der lateinischen Übersetzung des griechischen Wortes enérgeia. Énergeia ist ein Grundbegriff der aristotelischen Metaphysik, dem dýnamis entgegengestellt wird, das lateinisch potentia heißt. Man übersetzt actus und potentia gewöhnlich mit Wirklichkeit und Möglichkeit (d.h. eigentlich actualitas und potentialitas [oder possibilitas] statt actus und potentia!). Das macht auf die typische Art scholastischer Begriffsbildung aufmerksam, auf deren Grund wir noch zurückkommen werden. Möglichkeit und Wirklichkeit bedeuten zwei Seinsweisen, deren gegenseitige Durchdringung für Aristoteles wesentlich die Begreiflichkeit der phýsis (lat. natura, deutsch Natur) ausmacht. (Physik und Metaphysik sind in dieser Hinsicht ursprünglich kaum zu trennen.) Es ist bemerkenswert, daß Wirklichkeit also auf eine zur Naturerklärung gehörige Begriffsbildung zurückgeht; denn das ist heute kaum noch zu spüren, während Realität heute zwar nicht in der Naturerklärung, aber in der Reflexion über die Naturwissenschaft und ihre Begriffsbildung eine Rolle spielt. Es wird sich zeigen, daß es die von Anfang her dem Begriff "Realität" zu Grunde liegende Problematik ist, die den Begriff der Wirklichkeit so sehr geschwächt hat, daß er heute auch mit Realität verwechselt werden kann.

Anders als Wirklichkeit (actualitas), das über actus auf die aristotelische Metaphysik zurückgeht, ist "realitas" eine wirkliche und vollkommene Neuerfindung der Scholastik, und zwar eine, von der man sagen könnte, daß sie zugleich zum Gegenstand hat, was ihrer sprachlichen Form mit der von "actualitas" und "Wirklichkeit" gemeinsam ist (insofern ein Barbarismus noch merkwürdigererArt als actualitas). Gleich, wo realitas zum erstenmal gebraucht worden ist (man findet die Behauptung, es sei eine Erfindung der Scotisten, aber das scheint nicht sicher zu sein), so hat der Begriff jedenfalls von Anfang - das ist ein wichtiger Punkt — die selbe doppelte Bedeutung, die er auch danach bis hin zum "Idealismus", d.h. bis Kant und selbst noch in der Hegelschen Logik, hat. Erst in der erkenntnistheoretischen Verwendung - die heute allein noch lebendig ist — ist die eine der beiden Bedeutungen völlig verschwunden. Diese verschwundene Bedeutung wird am faßbarsten in dem scholastischen Begriff von Gott als dem "ens realissimum". Die andere, immer noch gegenwärtige beruht in dem von den Scholastikern benannten Gegensatz des "esse reale" zum "esse intentionale" (des realen und des [bloß] intentionalen Seins).

Realitas in dem ersten Sinn ist das Prinzip der qualitativen Bestimmtheit der Dinge - das, was sie zu bestimmten "Sachen" macht. Beispielsatz (Duns Scotus [1266-1308]):

Omnis realitas specifica constituit in esse formali, quia in esse quidditativo; realitas individui constituit praecise in esse materiali, h.e. in esse contracto. [Alle Realität (qualitative Bestimmtheit) der Art hat ihren Bestand in einem formhaften Sein, nämlich im Was-Sein; die Realität (qualitative Bestimmtheit) des Individuums hat ihren Bestand ausschließlich in einem stofflichen Sein, d.h. im zusammengezogenen Sein.]

Insofern diese qualitative Bestimmtheit - d.i. das, was eine Sache von einer anderen unterscheidet - gewissermaßen das Prinzip dessen ist, was der konkreten Analysierbarkeit dieser qualitativen Bestimmtheit am "Sein" der Dinge selber zu Grunde liegt, wird die Rangordnung des "Seins" (oder "Wesens") der Dinge zu einer Rangordnung ihrer "Realität", ihrer sachlichen Bestimmtheit. So wird Gott zum ens realissimum, d.h. zum an sachlicher Bestimmtheit alle anderen übertreffenden Wesen, weil alle sachliche Bestimmtheit der Dinge von ihm stammt, auf ihn zurückgeht, von ihm abgeleitet wird. Aus dem selben Grund - weil Realität der Analysierbarkeit des Seins entspricht, die einen positiven Gehalt voraussetzt - wird diese "Realität" übrigens als in dem logischen Gegensatz zur "Negation" stehend begriffen; in den Zusammenhang dieser Bedeutung von realitas gehört daher auch der Gegensatz von reale und negativum.

Das andere ist, wie gesagt, der Gegensatz von reale und intentionale. An ihm stellt sich die Konstellation, die die Begriffsbildung "realitas" hervorgebracht hat, noch schärfer heraus. Dieser Gegensatz setzt den gemeinsamen Grundbegriff des esse voraus ("Sein"), aber als verdoppelt in den Begriff, das Denken (Vorstellen), die nur im Kopf sind (im Geist [intellectus] oder der Seele [anima]), und das Sein an den Dingen selbst ~ und dieses heißt "reale", weil ihm die qualitative Bestimmtheit ursprünglich zukommt, dem bloß gemeinten Sein dagegen nur sekundär. (Die beiden Bedeutungen von realitas hängen also innerlich zusammen.) Beispielssatz (Durand von Pourcain [1275-1334]):

Esse intentionale potest … accipi … prout distinguitur con­tra esse reale, et sic dicuntur habere esse intentionale illa, quae non sunt nisi per operationein intellectus ... [Das intentionale Sein kann ... begriffen werden ... wie es unterschieden wird gegenüber dem realen Sein, und in diesem Sinn wird das intentionale Sein allem zuge­sprochen, was nur durch die Tätigkeit des Geistes ist.]

Dieses esse intentionale heißt übrigens auch esse obiectivum weil es vom Geist sich selbst entgegengestellt ("vorgestellt") ist.* *) Die heute üblichen Bezeichnungen für die Grundpositionen in dem unter den Scholastikern entstandenen Streit um das Verhältnis der Gattungsbegriffe ("Universalien") zum "realen" Sein der Dinge - "Realismus" und "Nominalismus" - interpretieren die Entscheidung über dieses Verhältnis - wohl berechtigterweise - als eine solche über die ("reale" oder bloß "nominale") Natur der Gattungsbegriffe selbst; der scholastische "Nominalismus" hat den Gattungsbegriffen also im Sinne der obigen Terminologie ein bloß "objektives" Sein zugesprochen.

Was beiden Bedeutungen von reale/realitas gemeinsam ist, ist der wertende Charakter des Begriffs, und das ist von Interesse, weil dieser auch den heutigen Sprachgebrauch und die Besonder­heit von "Realität" gegenüber "Wirklichkeit" ausmacht. Was damit gemeint ist, ist die entschiedene Unterwerfung des "Seins" unter das Prinzip der rationalen (logischen) Schätzung. Der spezifische Maßstab der "Wertung" liegt nicht in der Seinsmächtigkeit, son­dern in der Zuordnung zur rationalen Leistung; an ihr (von ihr) wird das "Sein" gemessen. In dem gespannten (eigentlich negati­ven) Charakter, den der Begriff "Realität" auch im heutigen Zu­sammenhang behalten hat (zum Unterschied von "Wirklichkeit"), ist das immer noch wirksam.

In der Folge hat die fortschreitende Emanzipation dieser wer­tenden Rationalitat von der Seinsphilosophie der Scholastik zu ei­ner bemerkenswerten Begriffsbildungs-Variante geführt. Da die Vorstellungen einen "Inhalt" haben, der an sich nicht geringer sein kann als das, was die Dinge selbst sind, verselbständigt sich die realitas im Sinne der qualitativen Bestimmtheit zu etwas von dem Grund des Unterschiedes zwischen real und intentional Losge­löstem (was ursprünglich nicht denkbar gewesen wäre). Auch Be­griffe haben danach "Realität" (nämlich die ihres "Inhalts"), und es werden demgemäß nun zwei Weisen oder Arten von Realität un­terschieden: "formelle" und "objektive" Realität; die formelle Realität kommt den Dingen, die (bloß) objektive den Begriffen zu. Da­neben kann die Bedeutung des Gegensatzes zum Intentionalen aufrechterhalten werden. Beispiel (Micraelius [1597-1658]*): *) Johannes Micraëlius. Schon der Vater dieses gelehrten Mannes hatte seinen plattdeutschen Namen Lütkeschwager wörtlich gräzisiert.

Reale [rationis] est, quod formaliter et ante intellectus operationem est [Real ist der Grund, insofern er formell und vor der Tätig­keit des Geistes existiert]

— andererseits:

Realitas est vel formalis ... vel obiectiva" - "Realitas obiectiva est, quae potest intellectui obiici; qualis est in ente intentionali. [Realität (inhaltliche Bestimmtheit) ist entweder formelle (ab­solute) ... oder objektive (vorstellungshafte) - Objektive (vorstellungshafte) Realität ist diejenige, die dem Geist ent­gegengestellt (vorgestellt) werden kann; wie es beim intentionalen Sein der Fall ist.]

Descartes braucht diesen vom "Sein" abgelösten Begriff von realitas in der III. Meditation für seinen sogenannten "ideologischen" Gottesbeweis: in unserem Begriff eines unendlichen Wesens - den wir notwendig haben - kann nicht mehr "objektive Realität" ent­halten sein, als auch "formaliter" existiert; also muß dem unendli­chen Wesen — Gott - dieselbe Realität auch absolut ("formell") zu­kommen, d.h. es muß wirklich existieren. (In einem ähnlichen Sinn kann dann Leibniz sagen, daß "alle Realität in etwas Existierenden gegründet sein muß"; er versteht aber, anders als Descartes, un­ter "Realität" nicht nur einen Gedankengehalt - diesen freilich im­mer auch -, sondern zugleich ein Gewicht, nämlich bei der Erwä­gung des "Seins" gegenüber dem "Nichtsein".)

Der Doppelsinn von "Realität" bleibt dabei immer erhalten; je­denfalls wird etwa in der Wolffischen Metaphysik - also im 18. Jahrhundert - der Begriff weiterhin in beiderlei Sinn benutzt. Dort taucht dabei zum erstenmal die darin klassisch gewordene Ge­gensatz-Formulierung "real" - "ideal" auf. Es ist klar, daß das die moderne Version oder Fortentwicklung des Gegensatzes "real" -"intentional" ist. Demgegenüber fixiert die erste Bedeutung sich in dem Gegensatz reale - negativum; Wolff braucht den Begriff in dieser Bedeutung wie Descartes als den eines gegenüber dem Ge­gensatz "real — ideal" indifferenten "Inhalts" ("Sachgehalts"). So hat dann auch Kant ihn von der Wolffischen Metaphysik übernom­men in der "rationalen Theologie" der Kritik d.r.V. (Begriff des "transzendentalen Ideals" als der "omnitudo realitatis" [Allheit der Realität]), und davon leitet schließlich die Kantische Verstandes-"Kategorie" der "Realität" sich her: wie bei Wolff steht dieses "reale", als das Positive, im Gegensatz zur Negation, als dem Nichtsein. Was aber den Kantischen Gebrauch des Begriffs "Reali­tät" bedeutsam und folgenschwer gemacht hat, ist vielmehr eine neuartige Zuspitzung und Komplizierung desselben im Sinne des Gegensatzes zur "Idealität" - eine Komplizierung, die allerdings auch eine bestimmte Rückwirkung auf den Sinn von "Realität" im Gegensatz zur "Negation" gehabt hat. Diese Zuspitzung ist enthal­ten in der logischen Konstellation der Doppelthese des "transzen­dentalen Idealismus" bezüglich der Existenz der Gegenstände der menschlichen Erkenntnis: "transzendentale Idealität" (d.h.: vernein­te "transzendentale Realität") — dahingegen "empirische Realität".

Dieser Kantische Begriff von der (es sei nun "transzendentalen" oder "empirischen") Realität des Raums und der Zeit (dann auch des in Raum und Zeit Erscheinenden) bedeutet einen Umschlag - vordergründig daran zu erkennen, daß "Idealismus" (nämlich als "transzendentaler") nicht mehr, wie zuvor, wesentlich ein Schimpf­wort ist, sondern einen positiven Sinn bekommt. Das bedeutet et­was für den Begriff der Realität; es wird faßbar am Begriff der "transzendentalen Realität". Realität ist hier immer noch als Eigenschaftsbegriff genommen, also nicht hypostasiert; es ist "Realität" von etwas. Aber die Annahme der transzendentalen Realität der Erscheinungen wird als eine solche charakterisiert, die allen for­malen Sinn und Zusammenhang unserer Erkenntnis der Dinge zer­stört. Hier bahnt sich daher indirekt die Umkehrung des Wer­tungssinns im Begriff "Realität" an, die in der Folge dann auch die Hypostasierung im Sinne "der Realität" ermöglicht hat (also den "erkenntnistheoretischen" Begriff von "Realität": wie wenn gesagt wird: wir erkennen - oder erkennen nicht - "die Reali­tät"...). Ursprünglich bezeichnete Realität die eigentliche Quelle al­les Sinnes, wenn auch bereits als der Wertung unterworfen; die Umkehrung besteht darin, daß Realität vielmehr das wird, was al­lem formal begründeten Sinn (der als wesentlich subjektiv, des­halb "ideal" begriffen wird) als ein jenseits davon Bestehendes gegenüberliegt.

Das ist nun der "erkenntnistheoretische" Sinn von Realität, der im Grunde nur noch negativ ist. Es liegt auf der Hand, daß diesem Gebrauch des Begriffs der Idealismus der großen Systeme den Weg geebnet hat. So kennt der frühere Hegel eine "Realphilosophie", die der Phänomenologie und Logik gegenübersteht, und die darum so heißt, weil sie die Idee in der "Form" der Realität darstellt, im Sinne der Schellingschen Definition:

Reell ist..., was durch bloßes Denken nicht erschaffen wer­den kann.

Da die Logik allen formalen Sinn enthält, ist sie auch in der "Realphilosophie" der eigentliche Gehalt, und doch findet die Ver­doppelung statt. Beispielssatz (Hegel):

Die systematische Ausführung [der Logik] ist zwar selbst eine Realisation, aber innerhalb derselben Sphäre gehalten. Weil die reine Idee des Erkennens insofern in die Subjekti­vität eingeschlossen ist, ist sie Trieb, diese aufzuheben ...

Hier bedeutet "Trieb" nichts anderes als - in Nietzsches späte­rer, präziser Formulierung des Sachverhalts - "Wille zur Macht". Darin liegt noch einmal eine neue Ausformung des wertenden Cha­rakters des "Realitäts"-Begriffs: die Durchsetzung des Wertes als dessen eigentlicher letzter Sinn, die zugleich aber Freiheit (Be­freiung) ist von der strengen Selbstkontrolle der "Subjektivität". Eine berüchtigte Formel drückt die Konstellation dieses "Realitäts"-Begriffs mit erstaunlicher Offenheit aus: die Selbstbezeich­nung des einstigen politischen Systems der kommunistischen Staa­ten als "der real existierende Sozialismus". Diese Bezeichnung spielt die "reale" Existenz - d.h. die Verwirklichung - der Idee gegen die Messung an der Idee (nämlich an einem "bloß gedach­ten" Sozialismus) aus: eine Wendung, die ihre Wurzel durchaus in Hegels Realitätsbegriff hat. Von diesem Sinn von "Realität" - der, wohlgemerkt, mit dem heute allgemein üblichen "erkenntnistheore­tischen" (von "der Realität") im wesentlichen identisch ist - kann man sagen, daß er die letzte Konsequenz aus dem ursprünglichen, scholastischen Sinn des Wortes darstellt — trotz (oder vielmehr ge­rade vermöge) der Umkehrung des Wertungssinnes, die er enthält. Diese Umkehrung liegt schon in dem ersten Sinn des Wortes ge­wissermaßen verborgen: sie ist eben das "Wesen" des Wertes.

Bei dieser Umkehrung — die, als solche, sich unmittelbar inner­halb des ursprünglich von dem Begriffsgegensatz "real - intentional" abgesteckten Rahmens entwickelt hat - ist nun aber merkwür­digerweise die ursprüngliche Grundbedeutung des Begriffs "Reali­tät" - als sachliche Bestimmtheit oder "Sachgehalt" (mit dem Ge­gensatz der "Negation") - einfach verlorengegangen: so gründlich, daß es heute Mühe macht, sie sich überhaupt noch zu vergegen­wärtigen. Das hängt damit zusammen, daß die beschriebene Umkehrung des Wertungssinns von "Realität" gegenüber der "Idealität" schon eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen den beiden überkommenen Bedeutungen von Realität zur Voraussetzung hatte. In der Kantischen "Transzendentalphilosophie" z.B. spielen "Reali­tät" und "Negation" noch immer eine wichtige Rolle als logische Bedingungen, "Gegenstande der Sinne" als solche zu denken; aber die Grundbedeutung des Begriffs stellen sie nur mehr scheinbar dar, weil die Verknüpfung mit der zweiten Bedeutung nicht mehr über Gott - das ens realissimum -, sondern vielmehr durch den materialen Charakter der "Empfindung" gegenüber dem formalen Charakter des Bewußtseins zustandekommt: "Realität" im Sinn des Verstandesbegriffs ist (nach der Kantischen Erklärung), "was der Empfindung entspricht", dieses aber die "Materie" der Erschei­nung, Negation mithin das, was der Aufhebung solcher "Materie" entspricht; nimmt man alle Realität ("Materie") aus der Vorstellung weg, so bleibt "ein bloß formales Bewußtsein (a priori)" übrig und ermöglicht zwar den Gedanken der Negation, bleibt selbst aber eben übrig. Deshalb hat Kant seinen "transzendentalen Idealismus" dann auch als "formalen Idealismus" bezeichnet und aufgefaßt wis­sen wollen. Der Begriff "Realität" in dem alten Sinn des Gegensat­zes mit der "Negation" ist also dem idealistischen Sinn von "Reali­tät" - der, wie man sieht, ebenso ein materialistischer ist - untergeordnet, und dieser letzte ist die tatsächliche Grundbedeutung geworden. Daraus fließt unmittelbar auch die anfangs erwähnte Verwechselbarkeit von "Realität" und "Wirklichkeit". Denn die Emp­findung, durch die Realität definiert wird, ist zugleich nichts an­deres als das unmittelbare Zeugnis des "Seins", nämlich der Wirklichkeit (Existenz) von "etwas" (Gegebenem). D.h.: im Begriff der Empfindung als der Bedingung von "Realität" schließen sich "Wer­ten" und "Sein" zur ersten Version des modernen Irrationalismus zusammen.